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Sie werden sich vielleicht fragen, was meint Sie mit:. "Jeder muss einmal gehen": Ich meine damit, dass jeder von uns irgendwann einmal diese Welt verlassen muss, d.h. irgendwann müssen wir alle einmal sterben und die meisten von uns haben Angst davor. Das ist mein Thema heute und es war keine leichte Aufgabe. Behilflich bei dieser schweren Aufgabe waren mir Dr. Hildburg Thüner, behandelnde Ärztin des Hospiz Veritas in Lübbecke und Peter Wellpott, Diplompsychologe aus Bad Oeynhausen.
Das Sterben ist ein Thema, von dem man eigentlich gar nichts hören möchte weil es Traurigkeit, Schmerzen und Einsamkeit mit sich bringt. Daher ist es verständlich, dass man alle Gedanken an den Tod schnell wieder verdrängen möchte. Mir geht es nicht anders. Obwohl, so ganz richtig ist das nicht. Denn je älter man wird, desto häufiger wird man mit dem Sterben konfrontiert und versucht sich dann irgendwie damit auseinanderzusetzen. Vielleicht sucht man aber auch nur eine Möglichkeit, die Angst vor dem eigenen Sterben zu überwinden. Mit Sicherheit ist es einfacher, diese Gedanken nach einer kurzen Zeit wieder bei Seite zu schieben. Ist das aber richtig? Und ist die Angst, die wir vor dem Tod habe überhaupt begründet?
Die Schweizer Psychiaterin und Strebeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, die im August dieses Jahres mit 78 Jahren verstarb, hat einmal gesagt:
"Sterben , das ist, als würde man bald in die Ferien fahren, ich freue mich schon unheimlich darauf."
Sie war davon überzeugt, dass sie "auf der anderen Seite" alle Menschen wieder treffen würde, die sie geliebt hat. Ich finde, das hört sich schön an, gar nicht schrecklich und furchterregend. Aber zweifeln nicht viele von uns an solchen Aussagen?
Es gab und es gibt Völker bei denen der Tod nicht das Ende bedeutete, sondern das Überschreiten einer Schwelle. Nach den Vorstellungen der alten Ägypter z.B. stellt der Tod nur einen Übergangszustand dar. Die Seele entfernt sich vorübergehend vom Körper, um sich nach einer unterschiedlich langen Zeit wieder mit ihm zu vereinigen. Danach konnte der Tote in einem jenseitigen Land das Leben in ewiger Gesundheit, Schönheit und Jugend weiterführen. Voraussetzung hierfür war die Erhaltung des Körpers, damit "Ba" der Seelenvogel zu gegebener Zeit wieder in ihn hineinschlüpfen konnte.
Die Kreter bestatteten im 14. Jahrhundert vor Christus ihre Toten in tiefen Schachtgräben mit zahlreichen Grabbeigaben. Für sie war der Tod nicht bedrohlich. Sie hatten die Vorstellung, von einem ewigen Frühlingsgarten, wo getanzt und musiziert wurde.
Bei unseren Tieren, die wir lieben und mögen, kennen wir den Begriff des "Einschläferns". Vielleicht könnte man den Tod mit einem langen tiefen Schlaf vergleichen. Ich würde mir wünschen, dass Sterben ähnlich wie einschlafen ist. Doch auch so betrachtet, können die wenigsten den Tod als angenehm empfinden. Denn das Schlafen ist ja nur deshalb schön, weil am Ende ein Aufwachen steht.
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fand das Sterben größtenteils in der Familie statt. Die Menschen, auch schon die Kinder, waren mit den Vorgängen beim Sterben vertraut. Das ist heute nicht mehr der Fall. In unserer derzeitigen Gesellschaft wird der Tod größtenteils, etwas hart gesagt, ausgelagert. Man stirbt im Krankenhaus, im Altenheim oder aber im Hospiz. Die Nähe zum Sterbenden ist nicht mehr gegeben. Was kann ein junger aufstrebender Mensch mit dem Tod anfangen. Es interessiert ihn nicht, er hat keine Zeit dafür. Außerdem ist er ja noch nicht alt und daher noch nicht an der Reihe. Kann man da so sicher sein?
Irgendwann muss jeder einmal gehen, der Tod ist unausweichlich. Die Frage ist nur wann!
Ich denke, trotz aller Bücher und trotz des heute doch schon vielen bekanntem Wissen über das Sterben, bestimmt bei den meisten Menschen, wenn sie damit konfrontiert werden, Angst und Hilflosigkeit den Umgang mit diesem Thema. Dazu kommt natürlich noch die Unsicherheit, was wird überhaupt aus mir wenn ich mal schwer erkranke, denn in vielen Fällen ist ja der Tod die Folge einer schweren Erkrankung. Auch bleibt die Frag offen, kann ich in Würde sterben? Wir versuchen uns zwar gegen alles und jedes zu versichern, aber gegen das Sterben gibt es noch keine Versicherung. So leben viele von uns in ständiger Angst. Man könnte fast sagen, wir sind keinen Moment unseres Lebens sicher. Es könnte, wohlgemerkt, es könnte, jeden Augenblick geschehen. Ist der Tod also eine ständige Bedrohung für uns?
Vielleicht kann uns der Diplom.-Psychologe Peter Wellpott eine Antwort darauf geben.
Frage: Herr Wellpott stellt der Tod eine ständige Bedrohung für uns dar?
Peter Wellpott: Eine Bedrohung stellt eigentlich nur das dar, was man auch direkt oder unmittelbar wahrnimmt. Gott sei dank ist der Tod ja nicht so furchtbar alltäglich, d.h. die Wahrnehmung von Bedrohung ist für die meisten Menschen an ganz andere Dinge gebunden. Praktisches Beispiel dafür, viele Leute empfinden Fliegen als wesentlich gefährlicher als Autofahren, obwohl es im Prinzip genau umgekehrt ist. Gerade Antwort, nein, es stellt nicht eine ständige Bedrohung dar, weil wir eben nicht dauernd daran denken. Nur dann, wenn man häufig daran erinnert wird oder wenn man es in irgendeiner Form vor Augen hat durch die Bedrohung mit Krankheit bei Angehörigen oder überhaupt bei anderen einem nahestehenen Menschen erlebt bzw. sieht, oder wenn man beruflich häufiger damit zu tun hat, dann ist es allerdings eine Bedrohung, die in diesen Fällen etwas stärker wahrgenommen wird.
Frage: Wie kann ich , wenn ich es aber für mich tatsächlich als Bedrohung empfinde damit umgehen? Wie kann ich meine Ängste vor dieser Bedrohung abbauen.
Peter Wellpott: Ich glaube, man muss unterscheiden zwischen Befürchtungen, Ängsten und Panik, das ist eine Stufenabfolge. Befürchtungen, das ist so na ja, da wird einem etwas "mulmig", Ängste sind schon sehr konkret und nehmen viel Raum und Denken ein und Panik ist etwas, da denkt man an nichts anderes mehr. Im Grunde genommen ist es so, dass bei jeder Form von übermäßiger Angst Ablenkung des beste Mittel ist. Man muss natürlich auch dabei sagen, wenn jemand permanent an den Tod denkt und wirklich an nichts anderes mehr denken kann, dann ist da offensichtlich eine Angst, die evtl. auch behandelt werden muss, weil das tatsächlich übertrieben ist.
Frage: Ich frage mich immer wieder, wie kann man vor etwas Angst haben, was man gar nicht kennt und noch nicht erlebt hat. Es ist eigentlich unverständlich, obwohl es mir genauso geht. Oder ist es die Angst vor dem unbekannten?
Peter Wellpott: Es ist ja sicherlich gut, dass man ausgerechnet das noch „nicht erlebt“ hat. Es gibt ja genügend Beispiele dafür, dass Leute berichten, sie hätten im Angesicht einer Fast-Todeserfahrung Helligkeitserleben, Glücksgefühle und ähnliche Dinge gehabt. Ich denke da gibt es eine Menge von denen sich unsere Schulweisheit wenig träumen lässt. Ansonsten ist es natürlich so, dass gerade vor dem Unbekannten die Angst am Größten ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und die Dinge, die wir kennen, die uns altbekannt sind, die machen uns am wenigsten Angst. Deswegen mögen wir ja auch Rituale. Das ist immer das Gleiche, da brauchen wir keine Angst haben, es funktioniert und wir wissen wie alles läuft. Je Unbekannter einem etwas ist, je „mulmiger“ wird uns dabei. Das fängt damit an, dass wenn man einen unbekannten Weg im Dunklen geht, man nicht weiß was auf einen zukommt. Wenn dann der dunkelste Weg irgendwann einmal gegangen werden muss, ist es sicherlich klar, dass da die Befürchtungen und Ängste am größten sind.
Ich habe die Angst vor dem Sterben, in 3 grundsätzliche Bereiche aufgeteilt:
die Angst vor dem wann, die Angst vor dem wie, und die Angst vor der Einsamkeit
Über die Angst vor dem wann haben wir bereits mit Peter Wellpott gesprochen. Es ist aber nicht nur die Ungewissheit, wann wir diese Welt verlassen müssen, die uns häufig belastete, sondern vielmehr noch die Frage , wie passiert es, schnell und schmerzlos, was sich wahrscheinlich jeder von uns wünscht, oder steht mir eine lange Leidenszeit bevor? D. h. also, die meisten von uns haben mehr Angst vor dem Sterben, als vor dem Tod: Sie fürchten sich davor, "wie sie diese Welt verlassen müssen"
Frage: Herr Wellpott, im Zeitalter der immer weitergehenden medizinischen Möglichkeiten, werden die Menschen auch immer Älter. Dadurch treten natürlich auch vermehrt Krankheiten auf. Und trotz hochqualifizierter Medizin Krankheiten, die wir nicht heilen können, z.B. viele Arten des Krebses. Das bedeutet ein langes Krankenlager und eine lange Leidenszeit. Ist dann die Angst vor dem wie nicht durchaus begründet?
Peter Wellpott: Die Angst vor dem Wie ist deswegen begründet, weil niemand Schmerzen haben möchte, niemand möchte leiden, niemand möchte mit permanenter Übelkeit kämpfen. Aus diesem Grunde gibt es ja auch in diesem Bereich den Begriff Lebensqualität. Es geht darum, nicht dem Leben mehr Zeit zu geben, sondern der Zeit mehr Leben. Das Problem besteht dann allerdings darin, was der einzelne unter Lebensqualität versteht und das ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Ich habe sehr oft erlebt, wenn Menschen gesund sind, dann haben sie eine ganz bestimmte Vorstellung von dem, was sie machen wollen und wenn dieses oder jenes nicht mehr geht. da wissen sie nicht, ob sie dann noch leben wollen. Vielleicht ist es daher auch etwas, was die Natur manchmal, wenn sie gnädig ist, mit uns dann macht, dass Stück für Stück bestimmte Fähigkeiten weggehen. Wird jemand krank, kann er manche Dinge nicht mehr, die er als Gesunder tun konnte. Auch die Wünsche und die Bedürfnisse des Einzelnen wandeln sich dann ein Stücken. Ich habe es ganz oft erlebt, dass jemand unter dem Eindruck einer gefährlichen Erkrankung angefangen hat, Dinge zu tun, die er sich vorher nicht getraut hat. Dadurch ist dann tatsächlich noch ein Stück neue Lebensqualität dazugekommen. Insofern kann man nicht generell sagen, dass man es immer nur und permanent in dem Moment wenn etwas passiert es mit der Angst zu tun bekommt.
Frage Ich mache mir doch das Leben ungeheuer schwer, wenn ich diese Angst immer mit mir herumtrage. Was kann ich tun, damit ich diese Angst nicht mehr habe?
Peter Wellpott: Ich denke mal, im Grunde genommen ist das eine Frage, die wahrscheinlich jeder nur für sich beantworten kann. Es ist natürlich schon ganz gut, wenn man sich in irgend einer Form damit auseinandersetzt, d.h. sich darum Gedanken macht. Und sei es einfach nur, dass man sagt: "ich merke, ich habe Angst und ich weiß gar nicht warum, ich muss mal mit jemandem drüber reden". Evtl. ist eine Gespräch mit Freunden oder Bekannten schon ausreichend. In jungen Jahren sind die Gedanken, die man sich darum macht vielleicht eher philosophischer Natur und wenn man älter wird ist das dann häufig schon wesentlich konkreter. Auch hier muss ich sagen, jegliche Form von Ablenkung ist etwas was Ängste reduziert, das gilt aber ganz generell. Wenn Jemand tatsächlich Angst vor dem Sterben hat oder davor, weil er von einer schweren Krankheit betroffen ist, so wird er unter Umständen auch ein Stück weit sagen: o.K., es gibt jetzt viele Dinge, um die möchte ich mir keine Gedanken mehr machen. Jetzt ist der Punkt gekommen, da habe ich keine Lust mehr auf alles mögliche Rücksicht zu nehmen, sondern jetzt denke ich erst einmal daran, was will ich überhaupt. Es gibt Menschen, die erst in so einer Situation erst richtig dazu kommen über sich selber nachzudenken, was ihre Wünschen, was ihre Bedürfnisse sind. Da kann man sagen, es ist nie zu spät, egal wie alt jemand ist.
Frage Wenn mich das alles so belastet, Ist es dann nicht doch besser, wenn ich mich nicht mit diesem Thema beschäftige?
Peter Wellpott: Och, da würde ich sagen, einfach einmal ausprobieren, wenn es dann klappt ist es ja in Ordnung. Wenn jemand sagt, ich schiebe das jetzt ganz weit weg und man spricht dabei ja wohl von Verdrängung, wenn das funktioniert. Ich habe da allerdings so meine Zweifel. Es gibt schon Leute, die machen sich einfach über diese Dinge keine Gedanken. Ich würde jedem Wünschen, dass er in dem Rahmen, in dem er es für sich selbst als richtig empfindet, sich mit diesem Thema zwischen durch einmal auseinander zusetzen.
Ich habe schon erwähnt, dass die meisten Kranken heute nicht mehr zu Hause gepflegt werden und auch die letzten Tage vor dem Tod nicht im Kreise der Familie verbringen können, weil die Möglichkeit der Betreuung nicht gegeben ist. Viele Angehörige sind mit solch einer Situation auch einfach überfordert. Man stirbt also im Altersheim, eine Einrichtungen die zur Pflege des alten Menschen da ist. Man stirbt im Krankenhaus, eine Einrichtungen die einen Kranken eigentlich wieder gesund machen möchte. Dann gibt es die Diakonie, es gibt private Pflegedienste, beide Einrichtungen helfen wenn ein Kranker oder eine Sterbender doch das Glück hat, zu Hause gepflegt zu werden. Alle haben eins gemeinsam, sie wollen Helfen und sie wollen auch helfen einem schwer Kranken das Sterben zu erleichtern. Hierfür gibt es aber auch noch ganz spezielle Einrichtung, die, wie ich meine, vielleicht am besten dazu geeignet ist, uns die Angst vor dem wie zunehmen. Es ist das Hospiz. Ursprünglich war das Hospiz eine kirchliche oder klösterliche Verpflegeanstalt für Bedürftige, Fremde oder Kranke. Heute bezeichnet man mit diesem Begriff vorwiegend spezialisierte Krankenhäuser z.B. für Palliativmedizin. D.h. diese Krankenhäuser haben sich zum großen Teil auf die Pflege Sterbender spezialisiert. Auch in Lübbecke haben wir solch eine Einrichtung, das Hospiz Veritas.
Dr. Hildburg Thüner ist behandelnde Ärztin in diesem Hospiz.
Frage: Frau Dr. Thüner, was muss ich mir als Laie unter dem Hospiz vorstellen?
Dr. Hilburg Thüner: Ein Hospiz ist ein Haus, indem keine Diagnostik betrieben wird, sondern eine begleitende Behandlung von Schwerkranken und zwar bis zum Ende.
Frage: Was ist denn der Unterschied zwischen einem ganz normalen Krankenhaus und einem Hospiz.
Dr. Hilburg Thüner: Im Hospiz wird die sog. Palliativmedizin betrieben, d.h. wir helfen nur, wir erleichtern, d.h. noch genauer, es werden Schmerzmittel verabreicht und ansonsten auch nur Mittel die lindern. Es werden jedoch keine Mittel verabreicht die das Leben verlängern und das ist eigentlich das, was viele nicht wissen, es wird hier kein Blut abgenommen, es werden hier keine diagnostischen Maßnahmen gemacht, sondern es wird nur pflegerisch und helfend gearbeitet.
Frage: Wann kann die Hilfe des Hospiz in Anspruch nehmen?
Dr. Hildburg Thüner: Als Voraussetzung um in das Hospiz aufgenommen zu werden, ist eine schwere, nicht heilbare Krankheit, egal ob bei einem jungen oder alten Menschen und, dass das Leben irgendwann in dem nächsten halben oder dreiviertel Jahr zu Ende sein wird. Entweder es wird im Krankenhaus dem Patienten und den Angehörigen mitgeteilt, dass nicht mehr für den Patienten getan werden kann oder es wird zu Hause durch den behandelnden Hausarzt in Zusammenwirken mit Patient und Angehörigen entschieden, dass eine Behandlung zu Hause nicht mehr möglich ist. Im Hospiz gibt es dagegen alles, was ein Kranker braucht, der aussichtslos krank ist.
Frage: Ich glaube viele scheuen sich, diese Einrichtung in Anspruch zu nehmen, weil sie glauben, das nicht bezahlen zu können, wie sieht das mit den Kosten aus?
Dr. Hildburg Thüner: Es gibt 3 Pflegestufen, in fast allen Fällen bekommt solch ein Schwerkranken die Pflegestufe 2. In der Regel ist durch einen Vertrauensarzt zu ermitteln, ob die Kosten von der Pflegeversicherung übernommen werden. Dazu besucht er den Patienten und bestimmt dann diese Pflegestufe. Insofern sehe ich da kein Problem.
Frage: Hat das Hospiz wirklich die Möglich mir bei einer schweren Krankheit das Sterben so zu erleichtern, dass ich nicht leiden muss und keine Schmerzen habe? D.h. dass ich in Würde sterben kann? Dr. Hildburg Thüner: Das oberste Ziel im Hospiz ist eigentlich Schmerzfreiheit, so gut es denn geht. Schmerzfreiheit bedeutet, dass wir alles daran setzten oder anders ausgedrückt, den Patienten so befragen, dass es Schmerzfreiheit erfahren kann. Es gibt mittlerweile die Möglichkeit durch einen zentralen Zugang oder auch durch einen oralen Zugang die Schmerzmittel zu verabreichen. Wir haben 3 Grade der Schmerzbehandlung, eine leichte, eine mittelschwere und eine schwere Behandlung, die wir anweisungsgemäß durchführen, so wie es der Patient verlangt. Es wird immer darauf geachtet, dass der Patient die Möglichkeit hat sich zu äußern, zu sagen, ich möchte noch ein bisschen mehr Schmerzmittel haben, es kann aber auch sein, dass der Patient schläft und man es dann an seiner Mimik erkennen kann, ob er schmerzen hat.
Frage: Frau Dr. Thüner haben Sie Angst vorm Tod und vorm Sterben?
Dr. Hildburg Thüner: Die Angst vor dem Sterben kann man sicher keinem Menschen nehmen. Jeder wird eine ganz natürliche Angst haben. Aber man könnte die Konfrontation mit dem Tode sicherlich einmal durchspielen, das klingt ein bisschen merkwürdig, aber in den 2 ½ Jahren in denen ich im Hospiz arbeite, habe ich vieles gesehen und auch bemerkt, dass man eine Vorbereitung auf diesen Schritt braucht und den erfahre ich täglich, wenn ich dorthin gehen. Daher darf ich sagen, dass ich weniger Angst habe als ich es hatte und eigentlich das Gefühl habe, es ist ein ganz natürlicher Vorgang.
Frage: Herr Wellpott, wie ist das bei Ihnen, haben Sie Angst vor dem Sterben?
Peter Wellpott: Ganz zu Anfang mit 25/26 Jahren habe ich genau gewusst was Sache ist. Ich habe genau gewusst, was mache ich, wenn ich Krebs habe, wenn mir das mal passiert, wenn ich sterben muss. Ich hatte ganz genaue Vorstellungen davon. Inzwischen sind natürlich fast 20 Jahre ins Land gegangen und wenn mich jetzt jemand fragt, dann kann ich mit Überzeugung antworten: „Keine Ahnung, ich weiß es nicht.“ Ich merke immer wieder, dass jeder erneute Kontakt mit einem sterbenden Menschen, vor allem wenn man selber betroffen ist, dieses Thema immer wieder ein Stückchen weit verändert. Man kommt einfach nicht umhin, sich immer wieder darüber Gedanken zu machen und ich persönlich glaube, dass das auch wichtig ist und uns ein Stück lebendig hält.
Ich habe vorhin schon die Diakonie und die ambulanten Pflegedienste erwähnt, die auch helfen können. In Minden gibt es noch eine ganz besondere Einrichtung und zwar ist das der Hospizkreis Minden e.V.. Hier engagieren sich Menschen um Sterbende zu Hause zu begleiten. Begleitung bedeutet für sie Hilfe in der letzten Lebensphase, durch alles was Menschen zur Bewältigung der Zeit zwischen Leben und Sterben brauchen. Helmut Dörmann, Koordinator dieser Einrichtung, hat mir erzählt, dass zu dieser Hilfe auch die Vermittlung zu einer Palliativstation oder aber auch zum Hospiz Veritas gehört, wenn die Betreuung zu Hause nicht mehr möglich ist. Oder aber auch die Hilfe bei der Suche nach einer notwendigen ambulanten medizinischen Versorgung. Es entstehen den Betroffenen keine Kosten. Es gibt also mehrere Institutionen, die einem helfen in Würde zu sterben. Es ist dabei egal, ob zu Hause im Kreise der Familie oder aber auch in einem Hospiz. Es ist auf jeden Fall jemand da, der einen begleitet und ich denke, das kann einem schon ein bisschen die Angst vor diesem letzten Schritt nehmen.
Es gibt natürlich Situationen, in denen man das Sterben als positiv ansehen kann, z.B. wenn jemand sehr krank war, wenn er von seinem Leiden erlöst ist, hat er keinen Sorgen und Schmerzen mehr. Wenn wir so einen geliebten Menschen verlieren, sagen uns gute Freunde oft, sei froh, dass es vorbei ist, jetzt braucht er nicht mehr zu leiden. Froh sein können wir mit Sicherheit nicht, wenn wir einen lieben Menschen verloren haben Im Gegenteil, wir sind traurig. Außerdem lässt das Leiden des Verstorbenen unsere Angst vor dem eigene Sterben oft wachsen.
Es gibt aber auch viele Berichte über Menschen, die Ihre Krankheit nicht besiegt haben, die aber in den letzten Wochen und Monaten vor Ihrem Tod gelernt haben angstfrei mit dem Sterben umzugehen. So auch Anne-Marie Tausch, die schon 1981 in ihrem Buch "Gespräche gegen die Angst" schrieb:
"Mir scheint, dass wir uns auf nichts so wenig vorbereiten wie auf unser Sterben, dabei ist der Tod das sicherste, was in unserem Leben eintreten wird."
Das Buch "sanftes Sterben" hat sie während ihrer Krebserkrankung begonnen und ihr Mann hat es nach ihrem Tode 1983 zu Ende gebracht. Es erzählt sehr eindrucksvoll die Geschichte Ihrer Erkrankung und für uns heute besonders interessant, ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben. Ihrem Mann und den 3 Kindern fällt dieses wesentlich schwerer. Sie, als Erkrankte will ihrer Familie helfen und ihnen die Angst nehmen und sagt Ihnen deshalb:
"Lasst mich los, es geht mir gut. Begleitet mich, aber begleitet mich nicht zu sehr mit traurigen Gedanken, sondern, es klingt vielleicht schockierende, mit einem Gefühl der Freude. Der Freude, dass ich vielleicht bald dort bin oder dort hinkommen, wo es ja nicht schlechter ist. Also, ich habe so meine Vorstellung, dass es vielleicht in manchem sogar leichter wird, da , wohin ich komme, wenn ich gestorben bin. Das da viel Licht ist, dass da Leichtigkeit ist. Und wenn wir das etwas mehr in unser Bewußtsein hinein bekommen, dann können wir ja im Grunde den Sterbenden fröhlich auf seine Reise begleiten, so wie wir auch einen anderen Menschen zu seiner fernen Reise mit guten Gedanken und Wünschen abfahren lassen und begleiten."
Dieser Gedanke mit der Reise hat mir gefallen. Wenn man sich das Sterben als eine lange Reise vorstellt, bei der allerdings das Ziel oder besser gesagt der Zielort noch etwas unklar ist, verliert der Tod vielleicht etwas von seiner Grausamkeit. Aber beschäftigen wir uns noch einmal mit den Worten, die Anne-Marie Tausch zu ihren Angehörigen sagt: "Lasst mich los"
Frage: Können Sie unseren Zuhörern etwas genauer erklären, was mit diesem "Lasst mich los gemeint ist, es scheint ihr ja sehr wichtig zu sein?
Peter Wellpott: Also in dem Moment, wenn jemand weiß, dass er selber sterben muss, so habe ich das ganz oft beispielsweise gerade bei Ehepaare erlebt., dass da jemand sitzt und sagt: „Ich habe Angst, dass meine Frau sterben muss.“ Auf der anderen Seite ist der Partner, der sagt: „Ich habe Angst, meinen Partner allein zu lassen.“ Hier haben 2 Leute umeinander Angst. Manchmal ist es dann natürlich auch so,. dass Angehöre in einem verzweifelten verständlichen Bemühen versuchen etwas aufzuhalten, was nicht aufzuhalten ist. Wir kennen den Begriff, er oder sie kann nicht Gehen, weil der Angehörige Tag und Nacht daneben sitzt auf aufpasst. Ich habe einige Male erlebt, dass dann in dem Moment, wo niemand da war, der betreffende Verstorben ist. Wer möchte schön gerne einem Menschen, den er mag, den er liebt Kummer bereiten. Das Loslassen bezieht sich natürlich auch auf ein Stück Frieden, wo man sagen kann, ich würde mir wünschen, dass da in Frieden Jemand gehen kann, dass Jemand losgelassen wird, das er keine Sorgen haben muss, das da Niemand sagt, ich leide jetzt ganz ganz fürchterlich, wenn du gehst, sondern dass gesagt wird, ich lasse dich jetzt los, du brauchst keine Angst haben , ich komme klar, ich mag dich sehr, ich liebe dich, aber du kannst jetzt auch in Frieden gehen.
Anne-Marie Tausch schriebt in dem Buch "sanftes Sterben" auch, dass ihr die Geborgenheit in Ihrer Familie sehr wichtig war. Hat man diese Geborgenheit in der Familie nicht, kommt zu der Angst vor dem Tod und dem Sterben noch die Angst vor der Einsamkeit dazu. Es ist die Angst davor alleine zu sein, wenn man sich auf die Reise vorbereitet . Die Vorstellung ist beängstigend Niemanden zu haben, dem man noch seine letzten Sorgen mitteilen kann, an den man noch Wünsche richten kann, den man noch um Verzeihung bitten kann oder aber der nur neben einem sitzen und die Hand halten. Vielleicht ist man gar nicht mehr in der Lage zu sprechen, aber man fühlt die Nähe eines sorgenden Menschen.
Frage: Herr Welltpott, wie und warum ist es so wichtig, für den Sterbenden nicht allein zu sein?
Peter Wellpott: Wer ist schon gern alleine, das macht Angst. Es ist natürlich schwer, Jemanden der sterben muss zu begleiten und dabei zu sein. Obwohl, manchmal ist da auch ganz viel Frieden mit dabei. Aber es ist natürlich klar, dass, wenn Jemand Angst hat und allein ist, die Angst größer wird. Händchenhalten im Dunklen beispielsweise, ist eine Angelegenheit, wenn man Angst vor der Dunkelheit hat und dieses ist dann ja die endgültige Dunkelheit. Es muss natürlich Jemand sein, dem man auch vertraut. Ich denke, von den meisten Menschen, wenn man sie fragen würde, käme die Aantworten: “Ich würde mir schon wünschen, das dieser oder jener mit dabei sei, damit ich nicht alleine bin.“
Das Hospiz ist eine Einrichtung, die auf die Pflege sterbender Menschen spezialisiert ist. Hier ist nicht die Heilbehandlung oder Beeinflussung einer Erkrankung das Ziel der Betreuung, sonder wie wir bereits von Dr. Hildburg Thüner gehört haben, die Erleichterung von Beschwerden.
Frage: Frau Dr. Thüner wie ist das im Hospiz, können die Angehörigen jederzeit bei dem sterbenden bleiben?
Dr. Hildburg Thüner: Im Hospiz gibt es die Möglichkeit für Angehörige und Freunde zu übernachten. Wir nehmen z.B. bei einem Ehepartner auch die Möglichkeit wahr, im Zimmer selber ein Bett aufzustellen. Es gibt also totale Begleitung durch Angehörige, Freunde und die Familie. Jeder kann sich das wünschen so wie er mag und so wie er das aushält. Es gibt natürlich auch Momente, wo Angehörige versagen, wo es für sie einfach nicht mehr zu ertragen ist. Im Hospiz selber gibt es eine Pastorin, es gibt ausgebildetes Pflegerpersonal, es gibt begleitende ambulante Möglichkeiten Patienten zu betreuen. Im Hospiz gibt es keine Patienten, sondern nur Gäste. Die Begleitung erfolgt nur auf Wunsch und Verlangen des Gastes.
Frage: Haben die Angehörigen aber nun keine Zeit oder aber es sind keine Angehörigen da, gibt es dort im Hospiz jemand, der die Aufgabe des letzten Begleiters übernehmen kann?
Dr. Hildburg Thüner: Es gibt auch ohne Angehörige den Wunsch des Gastes, dass er eine Person haben möchte, mit der er jeden Tag reden kann, evtl. auch nur, dass einer an einem Bett sitzt und gar nicht redet und nur da ist. Diese Möglichkeiten gibt es im Hospiz durch freiwillige Helferinnen und Helfer, die sich dafür ausgebildet haben und gerne am Bett des Gastes sitzen.
Ich denke, wir alle sind nur zu Besuch auf dieser Welt. Ob jung, älter oder alt, wir alle sollten uns irgendwann einmal mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetzen und uns damit auf diese Reise, die wir auf jeden Fall irgend wann einmal antreten müssen, vorbereiten.
Diejenigen, die eine schlimme Krankheit besiegt haben, wissen was ich meine. Sie hatten keine andere Wahl, sie mussten sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Die meisten von Ihnen haben Ihre Angst besiegt und haben dadurch ihr Leben verändert. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen der Einstellung zum Leben und der Einstellung zum Tod!
Spuren im Sand
Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn,
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn: "Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?"
Da antwortete er: "Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen
Margaret Fishback Powers hat dieses ausdrucksstarke, bewegende Gedicht geschrieben, das meiner Meinung nach an keine Religion gebunden ist. Für mich ist es ein Gedicht, das Trost spenden kann und soll, wo immer auf der Welt ein Mensch den Weg zu seiner letzten Reise antritt.
Wenn du es vermagst in dem Tod einen unsichtbaren, aber freundlichen Gefährten auf deiner Lebensreise zu sehen, der dich sanft daran erinnert, nicht bis morgen mit dem zu warten, was du eigentlich willst, dann kannst du lernen, dein Leben wirklich zu leben und nicht nur einfach dahin zu gleiten.
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