|
Neurodermitis, auch atopische Dermatitis oder atopische bzw. endogenes Ekzem, ist eine der häufigsten Hauterkrankungen überhaupt. Insgesamt leiden in Deutschland zwischen 2 und 10 % der Bevölkerung unterschiedlich stark an dieser chronischen Erkrankung. Was ist das Neurodermitis?
Dr. Schwaaf: Neurodermitis ist eine Erkrankung, die sich in der Regel sich auf die Haut bezieht, aber nicht nur die Haut betrifft. Sie ist eine Erkrankung, die vom Immunsystem ausgeht und bei den Patienten vor allen Dingen deshalb bekannt ist, weil sie einen unheimlichen Juckreiz auslöst, weil sie mit vielen Allergien einhergeht und vor allen Dingen mit Ekzemen, die infiziert werden können.
Bereits im 19. Jahrhundert war Neurodermitis schon bekannt. Man fasste unter diesem Begriff stark juckende Hauterkrankungen zusammen, bei denen einen Beteiligung des Nervensystems vermutet wurde.
Rebecca ist 27 Jahre alt und leidet schon seit dem Kleinkindalter unter dieser Erkrankung. Wer könnte besser als sie die Probleme eines Neurodermitikers schildern Es fing damit an, dass mir meine Mutter früher Milch mit Orangensaft gegeben hat. Da kam dann zum ersten Mal zum Ausbruch, dass ich diesen Saft überhaupt nicht vertragen konnten und am nächsten Tag aussah wie ein „Streuselkuchen“. Erst dadurch hat man dann gemerkt, dass ich bestimmte Lebensmittel nicht vertragen konnten. Bei mir haben meine Eltern dann später noch herausgefunden, dass ich z.B. Pfeffer, scharfe Gewürze, bestimmte Zitrusfrüchte, Zucker und auch Nüsse nicht vertrage kann.
Bei Rebecca fing alles im Kleinkindalter an. Ist das in der Regel immer so. oder könnte man in jedem Alter von heute auf morgen von dieser Krankheit befallen werden.
Dr. Schwaaf Neurodermitis ist eine Erkrankung, die genetisch veranlagt ist, d.h. man trägt sie von Geburt an in sich. Das heißt jedoch nicht, dass Sie mit dem Säuglingsalter gleich ausbrechen muss. Sie können auch mit 60 oder 70 Jahren erst einen akuten Neurodermitis-Schub erleiden, der der erste in Ihrem Leben ist. Viele Kinder bekommen diese Krankheit aber schon im Säuglingsalter, das sind dann auch in der Regel die schweren Fälle, wo es sich diese Krankheit durch das ganze Leben zieht, in mehr oder weniger starkem Ausmaß.
Rebecca hat erzählt, dass die Probleme während der Pubertät besonders schlimm waren, danach aber eine erstaunliche Besserung auftrat. Können also alle Mädchen und Jungen die so stark unter Neurodermitis leiden auf eine Besserung nach der Pubertät hoffen?
Dr. Schwaaf. Viele Patienten erfahren, dass nach der Pubertät eine Besserung der Neurodermitis eintritt Die Neurodermitis läuft häufig in Phasen ab. Man kann beobachten, dass bestimmte Trotzphasen, also Phasen, in denen innere Konflikte aublaufen, zu einer Verstärkung der neurodermitischen Hauterscheinungen führen und wenn diese Phasen vorbei sind, es wieder zu einer Besserung kommen kann.
Es gibt sicherlich eine Vielzahl von auslösenden Faktoren.
Dr. Schwaaf. Im Kleinkindesalter können Sie häufig finden, dass Milch Auslöser für eine Neurodermitis ist. Das heißt also, dass eine Milchunverträglichkeit oder eine Hühnereiweißunverträglichkeit vorliegt und dazu kommt noch, dass bestimmte Säfte, die stark säuern, zu einer Verschlimmerung der Hauterscheinungen führen. Auch Süßigkeiten können, wenn im Übermaß genossen, dazu führen dass sich die Hauterscheinungen verstärken.
Besteht denn Gefahr, dass immer wieder neue Unverträglichkeiten auftreten?
Dr. Schwaaf: Man sagt, so etwa mit 6 Jahren ist das Immunsystem relativ ausgereift. Es können dann allerdings immer noch neue Allergene dazu kommen, die als Auslöser dienen. Aber irgendwann ist das Ganze relativ stabil und dann kennt seine Allergene, man weiß was man meiden muss und man weiß auch, wie man damit umzugehen hat. Wenn man dann bestimmte Regeln beachtet, hat man auch relativ gute Chancen, seine Neurodermitis einigermaßen im Griff zu behalten, auch ohne härtere Therapiedrogen.
Es gibt also eine Vielzahl von unterschiedlichen Lebensmitteln, die Allergien bei Neurodermitikern auslösen können. Aber, wieso bekommt man überhaupt diese Krankheit?
Dr. Schwaaf: Die Neurodermitis ist eine in den Genen festgelegte Erkrankung. Man geht davon aus, dass im Immunsystem des Körpers im Bereich der T-Zellen eine Fehlregulation stattfindet. Diese T-Zellen sind für die körperliche Abwehr sehr wichtig, man kann sie also nicht einfach abschaffen, aber sie können fehlreguliert sein und das ist bei der Neurodermitits scheinbar der Fall. Sie können Ereignisse im Leben haben, die dann dazu führen, dass irgendwann eine, genetisch vielleicht nicht so stark ausgeprägte, Neurodermitis ausbricht. Bei Neurodermitikern ist das nicht so klar abgegrenzt. Die Auslösefaktoren sind häufig in Erkrankungen zu suchen. Man nimmt heute an, dass bestimmte Eiterbakterien mit verantwortlich dafür sind, dass eine Neurodermitis ausbricht. Diese Eiterbakterien kommen bei Hautinfektionen, bei Mandelinfektionen, bei anderen Halsinfektionen, bei Nebenhöhlen- und Mittelohrentzündungen vor, überall kann dieser Staphylococcus aureus, so heißt der Keim, für bestimmte Erkrankungen Auslöser sein und dabei auch die Neurodermitis einschalten.
Vor vielen Erkrankungen kann man sich schützen und Vorsorge treffen, z.B. nimmt man in Erkältungszeiten vermehrt Vitamin C zu sich. Gibt es solche Maßnahmen bei Neurodermitis auch?
Dr. Schwaaf: Also der wichtigste Faktor eine beginnende Neurodermitis zu stoppen, ist sicherlich die Hautpflege. Das ist das A und O. Die Angst der Leute bei der Hautpflege ist immer: wenn ich der Haut Fett gebe, produziert sie selbst kein Fett mehr. Diese Sicht ist falsch! Die Haut ist nicht in der Lage genügend Fett zu produzieren und man muss dieses Fett ergänzen und die Haut durch künstliches Hautfett quasi davor schützen, dass sie diesen Außeneinflüssen zu stark ausgesetzt ist. Ist Neurodermitis heilbar?
Dr. Schwaaf: Dazu müsste es eine Möglichkeit geben, die Gene zu verändern. Sie können die Neurodermitis nie komplett ausheilen, weil es eine genetisch festgelegte Erkrankung ist. Sie können aber schubfreie Intervalle haben und Sie können über Jahrzehnte neurodermitisschubfrei sein.
Ich habe nach Informationen über diese Erkrankung gesucht und muss sagen, es gibt eine ganze Menge Material, egal ob nun im Internet oder aber auch in der Buchhandlung. Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ist diese Krankheit erblich, habe ich dabei aber nicht gefunden.
Was meint unser Experte dazu?
Dr. Schwaaf: Es ist nachgewiesen, dass Neurodermitis vererblich ist, und zwar weil man einfach sieht, dass in Familien wo Neurodermitis vorkommt oder verwandte Erkrankungen aus dem atopischen Formenkreis vorliegen, auch häufiger Neurodermitis auftritt. Damit kann man davon ausgehen, dass es eine starke genetische Komponente gibt. Es ist allerdings nicht so einfach wie bei den Erbsen von Mendel, dass man sagt, ist das Gen so, dann wird die Erbse schrumpelig, ist das Gen so, wird die Erbse rot, sondern das ist eine multifaktorielle Vererbung, die aus verschiedenen Genen des Menschen besteht.Wenn bestimmte Komponenten zusammenkommen, dann kann eine manifesten Neurodermitis entstehen. Viele Menschen tragen viele dieser Komponenten in sich, aber die reichen nicht aus, um eine Neurodermitis auszubilden, sind aber genügend vorhanden, bricht sie dann plötzlich aus. Darum kann Neurodermitis auch in einem späteren Lebensalter, mit 40, 50, 60 oder sogar auch 70 Jahren noch ausbrechen.
Wie macht sich diese Krankheit überhaupt bemerkbar:
Rebecca. Die Haut wird schuppig, ich bekommen Juckreiz und kratze mich Tag und Nacht. Damit habe ich meine Eltern zur Verzweiflung gebracht. Erinnern kann ich mich so an die Zeit von 8 bis 13 Jahren, wo es extrem schlimm war. Das Gesicht war rot und schuppig, es juckte ständig und war sogar ein bisschen geschwollen. Es gibt Phasen, wo es etwas besser ist, da hat man dann nur kleinere Stellen, z.B. in den Ellenbeugen, den Kniebeugen und vielleicht am Hals, dann gibt es aber auch Phasen, wo es dermaßen ausbricht, dass es an den Händen, an den Armen ist und dass fast der ganze Körper bedeckt ist und man es vor Juckreiz nicht mehr aushält.
Sind das alles typische Beschwerden oder ist es bei jedem Betroffenen unterschiedlich?
Dr. Schwaaf: Neurodermitis ist eine sehr individuelle Sache, aber die Probleme Rebecca sind schon sehr typisch, jedenfalls für einen schweren Neurodermitiker, der über Jahre unter dieser Erkrankung zu leiden hat. Ellenbogen, Kniekehlen und Hals sind sehr häufig befallen. Das nimmt man ja auch immer als Indiz dafür, dass es sich überhaupt um eine Neurodermitis handelt. Der Juckreiz hängt sicherlich davon ab, in welcher Umgebung man sich befindet. Wenn die Luft sehr trocken ist, ist der Juckreiz sicherlich quälender. Viele Patienten berichten darüber, dass, wenn sie in die Wärme kommen oder auch ins Bett gehen, wo es auch warm ist, der Juckreiz unerträglich wird. Die Empfindlichkeit der Nerven nimmt dann zu. Es gibt aber auch Phasen, wo die Patienten einen nahezu normalen Hautzustand haben und diese Phasen gilt es eben über nichtmedikamentösen Therapien möglichst lange auszudehnen.
Rebeccas Mutter hat in mühseliger Kleinarbeit ausgetestet, worauf Rebecca allergisch reagiert.
Rebecca Man hat nacheinander ein bestimmtes Lebensmittel weggelassen. Ich habe einen Kuchen gegessen mit Haselnüssen und am nächsten Tag sah ich wieder aus wie ein Streuselkuchen. Ich bekam einen starken Juckreiz, der bereits nachts begann. Wenn ich solchen Kuchen dann nicht mehr gegessen haben, merkte man, dass die Haut besser wurde. Also konnte ich den Kuchen nicht vertragen. So ging es mit jedem Lebensmittel.
Wären hier nicht weitere Tests von ärztlicher Seite erforderlich gewesen.
Dr. Schwaaf: Man muss nicht immer einen Allergietest machen, um die Ursachen herauszufinden. Obwohl es natürlich der professionelle Weg ist. Ich sage den Eltern dieser Kinder immer, beobachten Sie ihr Kind, bei welchen Nahrungsmitteln es reagiert. Gibt es dann Anhalt für eine allergische Reaktion, kann man diese überprüfen, um nicht in die Irre zu laufen. Aber man sollte ein Kind nicht einem Allergietest mit 20 / 30 Substanzen aussetzen, die im Endeffekt vielleicht gar nicht ausschlagen, aber auf der anderen Seite durch den Test, das Kind für sein Leben schädigen und ängstigen. Denn durch die Angst vor dem "Piksen" kann der nächste Arztbesuch zur Qual werden.
Aber woran kann man sonst eine Neurodermitis erkenne?
Dr. Schwaaf Die Untersuchungsmethoden sind im wesentlichen, gerade bei Säuglingen, die Untersuchung der Haut, in dem man sie anschaut. Man sieht einen bestimmten Zustand, man sieht z.B. Ekzeme an den typischen Stellen, d.h. aber nicht automatisch, dass der Säugling oder das Kleinkind eine Neurodermitis hat. Jeder Mensch kann Ekzeme entwickeln. Bei Säuglingen entstehen z.B. während des "Zahnens" solche Ekzeme. Man muss das Leben dieses Patienten ein bisschen mit verfolgen, in dem man die Patienten einigermaßen regelmäßig sieht. Irgendwann stellt sich dann heraus, er ist allergisch, er bekommt immer wieder bestimmte Hautinfekte, die Beugenekzeme dehnen sich aus und dann steht nach einiger Zeit fest, man muss das ganze als Neurodermitis betrachten und nicht als einfaches Ekzem. Dann gibt es aber noch bestimmte Hautzeichen, wie eine doppelte Augenfalte, einen sog. kappenartigen Haaransatz, ein Ausdünnen der seitlichen Augenbraun und eine feinkleieartige Schuppung der Haut an bestimmten Hautstellen. Alles das sind Zeichen für eine Neurodermitis, beweisen, beweisen sie aber nicht eindeutig.
Ein Neurodermitisschub ist das:
Rebecca Ich lese ein Buch und es fängt an zu jucken. Ich kratze einfach oder ich kratze mich im Schlaf und ich wache am nächsten Morgen auf und habe eine Stelle am Arm oder im Gesicht. Die Haut habe ich dann richtig weggekratzt, aber das merkt man gar nicht, man kann es auch nicht steuern. Wenn man versucht nicht zu kratzen wird alles nur noch schlimmer. Mann wird "wahnsinnig", man muss einfach kratzen. Es ist nicht mit einem Mückenstich zu vergleichen.
Was kann man tun?
Dr. Schwaaf: Es gibt die unterschiedlichste Methoden um diesen Juckreiz der Haut zu lindern. Eine der bekanntesten, aber auch abgelehntesten, ist die Methode mit Cortison einzugreifen. Es sind viele Therapien mit Cortison gelaufen, die sehr erfolgreich waren und mich auch dazu bringen das Cortison jeweils wieder einzusetzen. Cortison ist, um einfach eine Unterbrechung in den Teufelskreis des Juckreizes zu bekommen, eine der wichtigsten Medikamente in der Therapie der Neurodermitis. Inzwischen gibt es auch andere Methoden. Seit einigen Jahren sind cortisonfreie Salben auf dem Markt, die eine sehr gute Wirkung haben, die man im begrenzten Umfang in bestimmten Hautarealen sehr, sehr gut einsetzen kann. Die also sicherlich dem Cortison ebenbürtig sind. Dann gibt es die Therapien mit Salzwasser zu baden. Viele Neurodermitiker erfahren, dass, wenn sie an die See fahren, eine Besserung des Hautzustandes eintritt. Sonne ist ein wichtiger Faktor. Auf der einen Seite kann sie schädigen, in dem sie schweißtreibend wirkt, denn Schweiß reizt die Haut wieder zu Juckreiz. Auf der anderen Seite kann UV-Licht die Hautbarriere verdichten, so dass äußerliche Einflüsse nicht mehr so viel Einfluss auf das innere Milieu der Haut haben und dadurch der Juckreiz nicht mehr so stark und quälend ist.
Alles was bisher aufgezählt wurde ist für die äußerliche Anwendung. Gibt es denn auch Medikamente zum Einnehmen?
Dr. Schwaaf: Säfte bzw. Tabletten sind in der Regel sogenannte Antihistamininka. Sie wirken juckreizlindernd, antiallergisch und sind sehr sinnvoll in der Therapie um den Juckreiz zu unterbinden. Ansonsten gibt es im Tablettenbereich eigentlich dann schon fast nur noch die Cortisontablette.
Wie sieht das mit alternativen Heilmethoden aus?
Dr. Schwaaf: Eine Freundin von mir ist Homöopathin, auch sie hat mit ihren Methoden Erfolge. Es gibt Leute, die schwören auf die Bioresonanztherapie und es gibt Leute die schwören auf die chinesische Medizin. Alle Methoden die beim Patienten zum Erfolg führen, sind für mich die richtigen Methoden.
Cortisonsalbe, häufig das einzige Hilfsmittel, auch für Rebecca
Rebecca: 2 Wochen schmiere ich kontinuierlich Cortison, dann mache ich aber wieder eine Pause. Mein Arzt sagt, ich soll einen Monat pausieren, aber manchmal schaffe ich das nicht und fange nach 2 Wochen schon wieder mit Cortisonsalbe an. Das ist natürlich nicht so gut, weil es die Haut verdünnt. Aber ich sage mir, "ich lebe jetzt und ich will mich nicht damit quälen, dass ich mich nachts kratze und benutze deshalb die Salbe". Was ich meide, ist sie ins Gesicht zu schmieren, weil die Haut da noch empfindlicher ist. Wenn man meine Hände anschaut, , fällt auf, dass sie aussehen, als wenn ich 80 wäre. Die Haut wird wie Pergamentpapier. Man hat an den Händen viele Falten, das bekomme ich nicht wieder weg auch wenn ich noch so viel eincremen. Gerade jetzt im Winter ist es besonders schlimm.
Ist diese Einstellung richtig oder bedenklich?
Dr. Schwaaf: Die Einstellung klingt recht vernünftig. Man verwendet diese Cortisonsalben in Phasen, wo nichts anderes richtig hilft. Damit erreicht man eine Unterbrechung des Juckreizes und, weil man nicht so viel kratzt, auch eine Unterbrechung der Ekzembildung. Wenn eine Besserung eingetreten ist, weicht man wieder auf cortisonfreie Salbengrundlagen aus und versucht den Zustand zwischen den Therapien mit Cortison so lange wie möglich auszudehnen. Man kann das Cortison gut mit einer Lichttherapie kombinieren, d.h. man behebt mit dem Cortison den schlechten Anfangszustand und macht dann über eine Lichttherapie die Haut unempfindlicher und kann damit ganz deutlich die Intervalle zwischen zwei Therapie verlängern.
Wie ist das mit den Nebenwirkungen?
Dr. Schwaaf: Die Cortisonnebenwirkungen auf die Haupt sind natürlich da. Sie treten vor allem dann auf, wenn man falsche Cortisone nimmt oder wenn man zuviel Cortison nimmt und dann kommt es zu dieser Verdünnung der Haupt. Was bei Rebecca auftritt, ist wahrscheinlich weniger eine Nebenwirkung des Cortisons, sondern die sog. Ichthyosis Hand, die auch ein typisches Zeichen für einen Neurodermitiker darstelle. D.h. Neurodermitiker haben eine Vielliniegkeit der Hand und eine ganz feine Netzzeichnung der Haut, gerade auf den Händen.
Wir haben schon etwas von der Lichttherapie gehört. Rebecca geht z.B. regelmäßig ins Sonnenstudio und sagt, dass ihr das hilft. Ist das vielleicht eine Alternative?
Dr. Schwaaf: Das Sonnenstudio ist eine Möglichkeit, insbesondere für Leute hier auf dem Land, weil der Weg zum Hautarzt doch oft relativ weit ist. Trotzdem, die Wellenlängen, die in einem Sonnenstudio abgegeben werden, dienen natürlich hauptsächlich der Bräunung der Haut, nicht der Therapie der Haut. D.h., die Wellenlänge, die in einer Hautarztpraxis von den Therapiegeräten abgegeben werden, sind sehr viel wirksamer auf die Entzündungsfaktoren der Haut, als die Wellenlängen, die in einem Sonnenstudio abgegeben werden. Trotzdem hat das Sonnenstudio eine positive Wirkung auf die Haut.
Der Laie, der sich bisher nicht mit dieser Krankheit auseinander gesetzt hat, hört den Begriff Neurodermitis und weiß, dass es eine Hautkrankheit ist. Daher geht er davon aus, dass die Symptome äußerlich auf der Haut zu sehen sind. Bei meinen Nachforschungen bin ich aber immer wieder auf das Thema Darm gestoßen. Ist es richtig, dass an Neurodermitis Erkrankte auch häufig Probleme mit dem Darm haben?
Dr. Schwaaf: Die Neurodermitis beinhaltet eine gewisse Abwehrstörung gegen bestimmte Bakterien und Pilze und dazu gehört eben z.B. auch der Candidapilz, der für Neurodermitiker ein Problem darstellen kann. Wenn also eine Überzahl an Hefepilzen im Darm ist, kann es zu einem Ungleichgewicht der Darmflora kommen und daraus eben auch Darmprobleme resultieren. Das ist das Eine, das Zweite ist: Neurodermitiker haben häufig allergische Reaktionen z.B. auf früh blühende Bäume. Wer auf diese sog. Frühblüher allergisch reagiert, hat sehr häufig auch Probleme mit Nahrungsmitteln, wie Obst und auch Nüsse. Wenn dann diese Nahrungsmittel genossen werden, kann es zu einer Darmreaktion kommen, entweder mit Krämpfen oder mit Durchfall. Das macht dann in der Regel diese Darmprobleme der Patienten aus.
Auch Asthma ist eine Begriff, der ebenso häufig im Zusammenhang mit der Neurodermitiserkrankung erwähnt wird.
Dr. Schwaaf: Wiederum das gleiche Problem. Dieses Asthma ist in der Regel ein allergisches Asthma und wird durch den Pollenflug oder aber durch die Hausstaubmilbe ausgelöst. Man muss in diesem Falle die Allergene meiden oder, was beim Asthma ganz besonders gut hilft, eine sog. Hyposensibilisierung durchzuführen. Dies ist gerade bei Neurodermitikern eine empfehlenswerte Therapie, wenn eine Hausstaubmilbenallergie vorliegt. Weil, einer Hausstaubmilbe kann man nicht entkommen.
Ein wichtiger Punkt bei der Neurodermitis: Stress
Dr. Schwaaf: Die Stressfaktoren spielen im klassischen Sinne eine Rolle, daher hat diese Erkrankung praktisch ihren Namen bekommen. Eine Stresssituation, sei es auf der Arbeitsstelle, sei es in der Schule, sei es im Elternhaus, führt relativ häufig zu einer Verschlechterung der Situation. Obwohl man das nicht immer korrelieren kann. Die Datenlage, wenn ich jetzt mal von der wissenschaftlichen Seite ausgehe, ist da uneinheitlich. Aber trotzdem, die Hinweise dafür, dass die Stressfaktoren bei der Neurodermitisentstehung oder Verschlimmerung eine Rolle spielen, sind gegeben. Wir empfehlen vielen Patienten sich entsprechend behandeln zu lassen. Ich meine das jetzt nicht in dem Sinne, dass sie eine Psychotherapie machen, sondern dass Sie vielleicht Kurse belegen, wo sie autogenese Training oder ein Jacobstrainig machen, einfach um Stress besser bewältigen zu können. Stress trifft jeden, aber bei den Neurodermitikern hat er oder kann er verheerende Auswirkungen auf die Haut haben.
Das quälendste an dieser Neurodermitis ist sicherlich der Juckreiz. Willentlich lässt sich das Kratzen kaum unterdrücken. Häufig juckt es abends oder nachts, was zu Schlafstörungen führen kann. Die Betroffenen und auch die Angehörigen leiden manchmal über Wochen unter Schlafmangel, Übermüdung und sind gereizt. Außerdem kommt noch die Scham über das Aussahen dazu, was Rebecca nur zu gut bestätigen kann.
Rebecca Es war eine zeitlang so schlimm, dass ich den Spiegel zugehängt habe, weil ich mich selbst nicht mehr ansehen konnte, weil das Gesicht rot und schuppig war und es juckte ständig. Mein Traum war es immer eine glatte Haut zu haben und ich mochte mich selber überhaupt nicht leiden. Für meine Familie war es eine sehr starke Belastung. Außerdem war meine Schwester dadurch, dass sie sich vernachlässig fühlte, sehr belastet. Alle kümmerten sich nur um mich.
Rebeccas Mutter hat erzählt, dass ihre Tochter früher z.B. vom Ballettunterricht nach Hause gekommen ist und weinend erzählt hat, dass die anderen Kinder sie nicht anfassen mochten, weil ihre Hände so schrecklich ausgesehen haben. Wie wird ein Kind mit alledem fertig und wie kann die Familie damit umgehen?
Dr. Schwaaf: Es ist schon sehr schwierig. In solchen Fällen ist manchmal der Familientherapeut gefragt und ich als Hautarzt verweise auch manchmal auf so eine Therapie, damit der Umgang in der Familie wieder ein normales Maß annimmt. Es gibt natürlich Kinder, die benutzen ihre Krankheit um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es gibt aber mindestens genauso viel und wahrscheinlich mehr Kinder, die diese Aufmerksamkeit brauchen, um mit ihrer Hautproblematik fertig zu werden. Das zu unterscheiden ist manchmal wirklich nur durh einen Fachmann möglich.
Auch in Zeiten in denen Neurodermitiker keinen Juckreiz und keine Hautprobleme haben, ist die Pflege, der doch immer etwas empfindlichen Haut besonders wichtig.
Dr. Schwaaf: Ein Neurodermitiker ist in der Regel nicht in der Lage, genügend eigene Hautfettstoffe zu entwickeln. Er hat eine trockene Haut. Solch eine trockene Haut haben zwar viele Patienten, aber der Neurdermitiker hat eine besonders trockene Haut, sie ist spröde und dadurch können Bakterien eindringen. Diese Bakterien können mit bestimmten Immunzellen, den Langhanszellen in Berührung kommen, die wiederum dann die Immunkaskade auslösen. Diese Immunkaskade gilt es zu stoppen, bzw. den Kontakt der Bakterien zu diesen Langhanszellen zu unterbinden. Das kann man, in dem man die Haut fettet und damit die Haut dichter gegenüber Umwelteinflüssen macht. Das A. und O. für Neurodermitiker oder für Leute, die in der Gefahr stehen eine Neurodermitis zu entwickeln, ist also die Haut gut zu pflegen.
|